Angelika Dettling studiert an der Vancouver Island University in Kanada

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IFK-Stipendiatin Angelika Dettling verbringt im Rahmen ihres BWL-Studiums an der Ostfalia Hochschule das Wintersemester 2017/18 an der Vancouver Island University in Nanaimo. Hier schreibt sie über ihre Eindrücke:

Angelika Dettling in Kanada

Nach über vier Monaten ist mein Auslandssemester nun leider schon vorbei und ich kann auf vier wundervolle Monate in Kanada zurückblicken. Die Zeit nach meinem letzten Bericht ist nur so wie im Flug vergangen und ich kann es kaum fassen, dass nun schon die letzten Klausuren geschrieben und die letzten Aufgaben abgegeben sind.

In der zweiten Hälfte meines Auslandssemesters habe ich die Kälte Kanadas kennengelernt. Während es auf Vancouver Island nicht viel kälter als in Deutschland ist, kann es auf dem kanadischen Festland sehr kalt werden. An einem Wochenende habe ich gemeinsam mit anderen internationalen Studenten einen Ausflug auf dem Festland zum Lake Garibaldi gemacht. Um zu dem wunderschönen Lake Garibaldi zu kommen, musste wir eine 18 Kilometer lange Wanderung machen.

Als wir an dem See angekommen waren, waren wir sehr beeindruckt von der Schönheit von diesem riesigen türkisblauen See, allerdings haben wir trotz mehrerer Schichten Kleidung so sehr gefroren, dass wir nach nur drei Minuten an dem See sofort wieder zurückgegangen sind. Nach der Wanderung waren wir fünf uns alle ganz sicher, dass wir am Lake Garibaldi den bisher kältesten Moment in unserem Leben miteinander erlebt haben.

Skilift 2Die Kälte hat aber auch ihre Vorteile und so hatte ich die Möglichkeit auf Vancouver Island und dann am Ende des Semesters in Whistler Ski fahren zu gehen. Für mich ist ein echter Traum in Erfüllung gegangen, als ich in Whistler Ski fahren war. Überall wurde ich an die Olympischen Winterspiele erinnert, die 2010 in Kanada stattgefunden haben. An mehreren Stellen im Skigebiet in Whistler sind olympische Ringe als Erinnerung aufgestellt wurden.

Anders als die meisten vermuten ist nicht Vancouver die Hauptstadt British Columbias, sondern die Stadt Victoria auf Vancouver Island. Im November habe ich einen Tagesausflug nach Victoria gemacht und das Royal British Columbia Museum besichtigt. Besonders interessant fand ich, wie hier versucht wird, die Geschichte der Ureinwohner Westkanadas aufzuarbeiten. In dem Museum gab es eine Ausstellung zu den Ureinwohnern Kanadas und ihren ursprünglichen Sprachen. Heute gibt es leider kaum noch Menschen in Kanada, die die 34 Sprachen der Ureinwohner sprechen, weshalb diese Sprachen sich leider in einem sehr kritischen Zustand befinden.

Auch an der VIU habe ich häufig gemerkt, wie versucht wird, die Geschichte der Ureinwohner in Kanada aufzuarbeiten. Zum Beispiel bekommen Studenten an der VIU am Anfang des Semesters immer eine Course Outline ausgeteilt, die alle Inhalte und ein Ablaufplan des Kurses darstellt. In jeder dieser Course Outlines war der folgende Satz zu finden:

Vancouver Island University acknowledges and thanks the Coast Salish nations of the Snuneymvuxw, Tla’Amin, Snaw-Naw-As and Cowichan for allowing us to teach, learn, live and share educational experiences on the traditional territories of these nations.

Außerdem müssen Nachfahren der Ureinwohner an der VIU keine Studiengebühren bezahlen und es wurde ein extra Gebäude errichtet, wo es regelmäßige Treffen für Nachfahren der Ureinwohner und andere Interessierte gab. Häufig kann man in British Columbia sogenannte Totem Poles finden, die an die Natureinwohner erinnern.

Totem Poles 2Es gibt unterschiedliche Arten von Totem Poles, die von den Ureinwohnern gestaltet wurden. Sie können zum Beispiel eine Geschichte erzählen oder einen Charakter darstellen. Die Bedeutung und die Gestaltung der Totem Poles ist abhängig vom Stamm und der Region. Auch auf dem Gelände der VIU wurde aus Respekt gegenüber der Ureinwohner Totem Poles aufgestellt.

Ich bin sehr froh, dass ich mich dafür entschieden habe ein Auslandssemester in Kanada zu machen und werde meine Zeit in Kanada nie vergessen. Das Land ist wunderschön und die Menschen sehr offen und aufgeschlossen. Während des Auslandssemesters habe ich viel über mich selber gelernt und auch erfahren, was besonders an unserer eigenen deutschen Kultur ist.

Kanadische Flagge 2Außerdem habe ich nochmal gemerkt, wie wichtig es ist, sich mit kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen und kulturelle Unterschiede zu respektieren. Mit meinen Mitbewohnern werde ich auf jeden Fall versuchen in Kontakt zu bleiben und hoffentlich wird sich für uns die Möglichkeit ergeben, uns alle noch einmal wiederzusehen.

 

Angelika Dettling

 

Lesen Sie auf Seite 2 den ersten Bericht von Angelika Dettling:

Laura Wehner studiert BWL an der Nelson Mandela University in Port Elizabeth, Südafrika

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Südafrika ist ein beliebtes Ziel unter den IFK-Stipendiaten. Auch Laura Wehner studiert an der Nelson Mandela Metropolitan University in Port Elizabeth. Hier schreibt Sie über ihre Erlebnisse und Eindrücke vom anderen Ende der Welt:

Laura Wehner in Südafrika

Während meines Auslandssemesters in Port Elizabeth und auf meinen Reisen durch das Land habe ich zahlreiche Facetten des Landes kennengelernt. Dabei ist mir auch nicht entgangen, dass die Geschichte des Landes ihre Spuren hinterlassen hat. Die Auswirkungen der Apartheid sind heute noch deutlich zu spüren. Eine der gravierendsten und für neue Besucher bereits am Anfang deutlich auszumachende Auswirkung der Apartheid sind die Townships. Durch den Group Areas Act von 1950 wurde das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Hautfarben in Nachbarschaften und Stadtviertel praktisch überall verboten. Schwarze und „Farbige“ wurden zwangsumgesiedelt in die Townships. Dies spiegelt sich auch heute vieler Orts noch in ethnisch stark unterschiedlichen Stadtteilen wider.

Laura Wehner in Südafrika, Alltag 2Das Bekannteste Township ist wohl Soweto, das South Western Township in Johannesburg. In Port Elizabeth ist das Walmer Township eines der ersten Gegenden die man erspäht, da es direkt an den Flughafen grenzt. Einige dieser Townships haben sich in den 23 Jahren seit Ende der Apartheid zu Wohnvierteln der gehobenen Mittelklasse entwickelt. Diese Tatsache überraschte mich, da ich das Wort Township zuvor nur mit schlechten Lebensbedingungen assoziiert habe.

Informelle Siedlungen gibt es aber auch noch immer, dort leben die Menschen in Wellblechhütten ohne Zugang zu Strom und fließendem Wasser. Anhand der sich so stark voneinander unterschiedenen Lebensumstände der Menschen wird die große Schere zwischen Arm und Reich einmal mehr deutlich. Südafrika ist Industrienation und Entwicklungsland zu gleich.

Auch wirtschaftlich gibt es noch immer große Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Der Großteil der Ladenbesitzer und Vorgesetzten ist auch heute noch weiß. Viele schwarze Kommilitonen haben von Vorurteilen berichtet, mit denen Sie besonders im Arbeitsleben zu kämpfen haben. Das Problem wird verschlimmert durch die großen Qualitätsunterschiede in der Bildung. Öffentliche Schulen haben einen schlechten Ruf, wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule.

Studiengebühren waren während meines Auslandssemesters immer wieder Gegenstand lebhafter Diskussionen. Im letzten Jahr gab es an Universitäten im ganzen Land Aufstände gegen eine Erhöhung der Studiengebühren, die Hochschulen blieben wochenlang geschlossen. Auch wenn es seitdem keine Erhöhungen mehr gegeben hat, sind die Studiengebühren für viele deutlich zu hoch. Viele Studenten sind auf Stipendien angewiesen. Wir haben immer wieder Menschen getroffen, die gezwungen waren ihr Studium abzubrechen, weil ihr Stipendium weggefallen ist. In vielen Familien ist es Praxis, nur das älteste Kind auf die Universität zu schicken, damit es später die Familie unterstützen kann.

Das Viertel Maboneng ist mit seinen vielen Cafés und Kunstgalerien ein gelungenes Beispiel städtischer Erneuerung in Johannesburg (2 Bilder oben).

Trotz all dieser Probleme die noch bestehen, versprüht der Großteil der Bevölkerung Optimismus und einen Glauben an eine positive Zukunft. Das Land, das Nobelpreisträger Desmond Tutu als „Rainbow Nation“ bezeichnet hat, versucht sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Die Menschen stehen für ihre Nachbarn ein und die Frage, wie man etwas Positives für die „Community“ bewegen kann, kommt immer wieder auf. Die Lebensphilosophie des Landes lautet „Ubuntu“, ein Wort aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa, das so viel wie „Nächstenliebe“ bedeutet. Der Ausdruck unterstreicht die Wichtigkeit gegenseitigen Respekts und drückt aus, dass man Teil eines großen Ganzen ist. Er wird immer wieder zitiert und wirkt wie das Motto der Nation.

Auch aus diesem Grund gibt es in Südafrika diverse Hilfsprojekte und gemeinnützige Organisationen, die versuchen die Probleme zu bekämpfen. Die Nelson Mandela University bietet für Austauschstudierende einen Kurs an, bei dem Studenten die Möglichkeit haben einen Nachmittag in der Woche bei einer solchen Organisation mitzuhelfen. Es soll den Studenten ermöglichen, mit der weniger entwickelten Seite des Landes in Kontakt zu kommen und so Erfahrungen zu sammeln und die eigene Sichtweise auf das Land verändern. Ich habe mich entschieden, das Projekt „Zanethemba“ zu besuchen und zu unterstützen. Es handelt sich dabei um ein Übergangsheim für Kinder bis zu sechs Jahren, die von ihren Eltern getrennt werden mussten. Sie bleiben in dem Heim, bis eine langfristige Lösung für sie gefunden werden konnte. Das ie kann eine Adoption oder die Übertragung des Sorgerechts auf ein anderes Familienmitglied sein.

Laura Wehner in Südafrika, Das Kinderheim Zanethemba

Ich habe die Pflegekräfte in ihrem Alltag unterstützt und dabei viel über sie und Erziehung in Südafrika gelernt. Ich habe vorher nur sehr selten etwas mit Kleinkindern zu tun gehabt und es war schön mit ihnen Zeit zu verbringen und mit ihnen zu spielen. Die Probleme, wie z.B. Unterernährung, mit denen ich dabei in Kontakt gekommen bin, haben mir viel Stoff zum Nachdenken geben. Gleichzeitig war ich immer wieder beeindruckt von der positive Einstellung der Freiwilligen und der Pflegekräfte.

Viele Grüße

Laura Wehner

 

Lesen Sie auf der zweiten Seite den ersten Bericht von Laura Wehner:

Amelie Körtje arbeitet beim Roten Kreuz in Puebla, Mexiko

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Meine ersten drei Monate in Mexiko – Ein Bericht von Amelie Körtje

Tacos, Sombreros, Mariachis, Korruption und natürlich – Drogenhandel – na, in welchem Land befinde ich mich wohl? Wie kaum ein anderes Land weckt Mexiko bei vielen ganz bestimmte, immergleiche Assoziationen. Auch ich konnte mir lange nicht viel mehr unter dem nordamerikanischen Land vorstellen, als die geläufigen Stereotypen. Da ich nach dem Abitur im Sommer 2017 jedoch mal etwas ganz anderes kennenlernen, etwas Neues wagen wollte, entschied ich mich dazu, mit dem Badischen Roten Kreuz einen weltwärts-Freiwilligendienst im mexikanischen Puebla zu machen. Seit gut drei Monaten arbeite ich nun also beim Cruz Roja Mexicana in Wolfsburgs mexikanischer Partnerstadt.

Das Rote Kreuz in Mexiko mit einigen Paramedicos

Der Abschied von meinen Freunden und Familie in Deutschland fiel mir (im Bild zweite von links) schwerer als gedacht.  Bei der Bewältigung des Abschiedsschmerzes half mir vor allem das Gedicht „Stufen“ von Herman Hesse, wo es heißt:

„Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Diese Zeilen machten mir erneut bewusst, warum ich mich dazu entschieden hatte, ein Jahr in Mexiko zu verbringen, ein ganz neues Leben in einem noch unbekannten Land, über das ich doch so wenig wusste, aufbauen zu wollen.

Und so dominierte bei meiner Ankunft in Mexiko trotz der Erschöpfung nach der langen Reise die Vorfreude und Neugierde, besonders auf das erste Treffen mit meiner Gastfamilie in Puebla. Wir hatten schon im Voraus regen Kontakt gehabt und so verstanden wir uns auf Anhieb gut, auch wenn mein Spanisch, welches ich mir mehr oder weniger selber beigebracht hatte, noch relativ holperig war.

Insgesamt und für mich überraschenderweise gab es jedoch keine größeren Kommunikationsprobleme und so fühlte ich mich vom ersten Moment an zu Hause und angekommen in meiner neuen mexikanischen Familie. Ich lebe bei einem jüngeren Paar, Paula und Alejandro, und ihren zwei Hunden. Meine Gasteltern sind sehr entspannt was das gemeinsame Zusammenleben betrifft. Ich habe alle Freiheiten was meine Freizeitgestaltung betrifft, die ich auch aus Deutschland von meinen Eltern kenne. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn in Mexiko und besonders im konservativen Puebla sind viele Eltern sehr protektiv, vor allem was die Töchter der Familie betrifft.

Amelie Körtje und ihre Gastfamilie

Ich habe meinen Gasteltern viel zu verdanken und ich bin unglaublich froh, diese Austauscherfahrung mit ihnen teilen zu dürfen. Durch die unzähligen Gespräche am Essenstisch habe ich bereits viel über die Geschichte, die Politik und die gesellschaftliche Situation insgesamt in Mexiko gelernt, besonders über die Probleme, mit denen dieses wunderbare Land zu kämpfen hat. Darüber hinaus haben die beiden mir kritische Sichtweisen auf mein eigenes westliches Leben in Deutschland ermöglicht.

Das Haus der GastelternMeiner Meinung nach ist die Gastfamilie einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg des kulturellen Austausches. Ich glaube, mit meiner Familie hätte ich es wahrlich nicht besser treffen können. Besonders zusammengeschweißt hat uns die Erfahrung des Erdbebens vom 19.September, welches auch die Stadt Puebla erschütterte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Während ich von dem ersten Erdbeben in Oaxaca und Chiapas kaum etwas mitbekam, traf uns das Erdbeben vom 19. September mit besonderer Härte. Ich war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, wo wir noch auf Grund des Jahrestages des Erdbebens von 1985 eine Erdbebenübung durchgeführt hatten. Nach dem ersten Schock stellte sich heraus, dass auch das Haus meiner Gastfamilie Schaden genommen hatte. Noch in derselben Nacht zogen wir zu Verwandten und zogen später ganz um in ein neues Haus.

In den Tagen nach dem Erdbeben stand das Leben in Puebla Kopf. Schüler und Studenten waren vom Unterricht befreit, der Großteil des schönen historischen Zentrums Pueblas war aus Sicherheitsgründen gesperrt und die Medien berichteten rund um die Uhr. Überhaupt gab es kein anderes Gesprächsthema mehr. Statt jedoch in Schockstarre zu verharren, formierte sich sofort eine Bewegung der Solidarität in den betroffenen Regionen und im ganzen Land.

So half ich etwa am Tag nach dem Erdbeben in einer der unzähligen eingerichteten Notunterkünfte beim Sortieren der Sachspenden. Es wurden riesige Berge von Lebensmitteln, Medikamenten, Wasser, Kleidung, Decken usw. angehäuft, bis zu dem Punkt, dass ich mich fragte, ob diese Mengen überhaupt nötig seien, denn es versammelten sich zwar tausende Freiwillige in der Unterkunft, kaum jedoch Hilfsbedürftige. Zumindest in der Stadt Puebla war die Situation, mit einigen Ausnahmen, schließlich vergleichsweise glimpflich ausgegangen. Anders sah es zum Beispiel in Mexiko Stadt und anderen Regionen aus, besonders Oaxaca und Chiapas litten unter den Folgen des ersten Erdbebens.

An den folgenden Tagen half ich in Dörfern einige Stunden außerhalb Pueblas bei der Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung und der medizinischen Versorgung. Dort erschien mir die Lage deutlich prekärer als in der Stadt Puebla, teilweise waren ganze Hütten eingestürzt. Doch auch in den kleinen Dörfern waren sofort Scharen von freiwilligen Helfern angerückt. Unabhängig vom Erdbeben erschienen mir jedoch aufgrund der teils erschreckenden Lebensbedingungen, staatliche Hilfsprogramme von Nöten.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Mexikaner nach dem Erdbeben eine bewundernswerte Solidarität und Hilfsbereitschaft zeigten, diese jedoch vor allem von der Bevölkerung und Hilfsorganisationen wie z.B. dem Roten Kreuz ausging, weniger von Seiten der Regierung. Auch wurde mir erklärt, dass viele Politiker das Erdbeben als politisches Mittel, auch in Bezug auf die Wahl im nächsten Jahr, instrumentalisierten. In Anbetracht der tatsächlich sehr verbreiteten Korruption wird von meinen mexikanischen Bekannten der Umgang mit den Spenden insgesamt kritisch gesehen.

Jetzt, einige Woche nach dem Erdbeben, hat sich das Leben zumindest in Puebla weittestgehend normalisiert, nur einige Straßen im Zentrum bleiben weiterhin für die Durchfahrt gesperrt. Diese Sicherheitsmaßnahme ist sicherlich sinnvoll, denn bei der atemberaubenden Geschwindigkeit, mit der die Busse, die berüchtigten „Camiones“ durch Pueblas Straßen poltern, wackeln die Häuser auch ohne Erdbeben.

Die „Camiones“ sind für mich ein Stück weit Sinnbild für das Leben in Mexiko. Sie folgen nicht wie in Deutschland festen Regeln oder Fahrplänen, hin und wieder wechseln sie auch unangekündigt die Route. Es gibt kaum feste Haltestellen, wenn man einsteigen will, hebt man an der Straßenecke die Hand und zum Aussteigen ruft man dem Fahrer zu. Es ist diese Entspanntheit, diese Flexibilität und Unplanbarkeit die für mich mein mexikanisches Leben ausmachen, ja auszeichnen. Ich genieße es, nicht zu wissen, was in der nächsten Woche auf mich zukommt, welche neuen Personen und Orte ich kennenlernen werde. Ich führe hier ein Leben, das komplett im Moment, im Heute stattfindet, ohne sich große Sorgen über das Morgen machen zu müssen. Dass ich in diesem Lebensstil äußerst privilegiert bin und dem Großteil der Mexikaner diese Unbekümmertheit nicht vergönnt ist, ist mir natürlich bewusst.

Für mein Jahr in Mexiko habe ich mir vorgenommen, alle Möglichkeiten und Erfahrungen mitzunehmen. Ich habe bereits verschiedene Reisen in diesem für mich doch überraschend vielfältigen Land gemacht, in die internationale Megametropole Mexiko Stadt ebenso wie in kleine ursprüngliche Dörfchen. Auf diese Weise ist mir hautnah vor Augen geführt worden, wie vielschichtig die mexikanische Gesellschaft ist, denn ich habe Menschen in Lebensumständen kennengelernt, wie ich sie als Deutsche noch nie gesehen habe, auf beiden Seiten der Wohlstandsskala.

Auf dem Gipfel des Vulkans Malinche, erschöpft aber glücklichIch habe die atemberaubende Natur der wasserfallreichen Huasteca Potosina mit anderen Freiwilligen bestaunt und mit einem mexikanischen Freund die paradiesischen Strände und historischen Mayapyramiden in den Bundesstaaten Yucatan und Quintana Roo besucht. Beim Besteigen des Vulcans Malinche auf 4200 Meter bin ich an meine physischen sowie mentalen Grenzen gekommen.

Diese Vielfalt, nicht nur der Natur Mexikos, sondern auch der Lebensstile seiner Menschen, wird in den internationalen Medien mit keinem Wort erwähnt. Das Land wird von vielen automatisch auf Drogenkrieg und Korruption reduziert, der stereotype Mexikaner isst eben doch Tacos, trinkt Tequila und trägt Sombrero. All diese Aspekte entsprechen sicher zu mehr oder weniger großen Teilen der Wahrheit, doch das Mexiko, was ich in diesem Jahr kennen lernen darf, ist so viel mehr als das! Es ist so viel mehr als das, was ich erwartet habe und es erstaunt mich jeden Tag aufs Neue, wie man sich nach drei Monaten schon so sehr in ein Land, in ein neues Leben verliebt haben kann.

Amelie Körtje und Carlos am Strand von Cozumel

Ich habe selten so herzliche, interessierte und interessante Menschen wie hier in Mexiko getroffen. Und so fällt es mir auch nicht schwer, Anschluss zu Mexikanern zu finden. Nach drei Monaten kann ich zufrieden sagen, bereits einige wirklich gute Freunde gefunden zu haben, mit denen ich viel in meiner Freizeit unternehme. Einen davon lernte ich sogar bereits in Wolfsburg, auf dem mexikanischen Sommerfest des IFK kennen.

Einen großen Teil meiner Zeit hier in Mexiko verbringe ich natürlich in meiner Einsatzstelle, dem mexikanischen Roten Kreuz, dem Cruz Roja Mexicana. Das Cruz Roja ist eine Einrichtung, die sich vor allem an die sozial benachteiligte Bevölkerung Pueblas richtet, denn der Service ist besonders im Vergleich zu den unzähligen privaten Krankenhäusern relativ günstig bzw. gratis. Sie verfügt über ein Krankenhaus mit verschiedenen Spezialisierungen wie etwa Gynäkologie, Pädiatrie, Chirurgie u.a. sowie Notaufnahme, Labor, Apotheke und Rettungsdienst.

Im Laufe des Jahres werde ich durch die verschiedenen Bereiche der Institution rotieren, angefangen im Labor und Rettungsdienst, gefolgt von der Notaufnahme und der Chirurgie. Die ersten zwei Monate arbeitete ich also im Labor des Krankenhauses, montags bis freitags von 7 bis 13 Uhr, wobei die Arbeitszeiten entsprechend der mexikanischen Mentalität teils stark variierten. Ich durfte verschiedene kleinere Analysen mit den Blut- und Urinproben der Patienten durchführen, Botendienste mit Resultaten oder Blutproben leisten und selten auch selber Blut abnehmen. Insgesamt gab es jedoch relativ wenig Arbeit, sodass auch die mexikanischen Mitarbeiter oft tatenlos rumsaßen und sich unterhielten.

Ein Rettungswagen des Cruz Roja von innenBesonders vor dem Hintergrund, dass ich nach dem Freiwilligendienst gerne Medizin studieren möchte, hätte ich mir gewünscht, mehr in die Arbeit im Labor eingebunden zu werden. Auch wenn das ruhige Ambiente besonders in der anfänglichen Eingewöhnungsphase, als meine Spanischkenntnisse noch relativ beschaulich waren, durchaus angenehm war, stellte sich durch das Nichtstun hin und wieder ein unbefriedigendes Gefühl der Frustration ein.

Dies änderte sich mit dem Wechsel in den Rettungsdienst Mitte November schlagartig. Vom ersten Tag an wurde ich im Krankenwagen eingesetzt. Die Stimmung im Team ist ausgesprochen freundschaftlich und fast alle haben immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. Die Schichten im Rettungsdienst dauern zwölf Stunden von 7 bis 19 Uhr, als deutsche Freiwillige arbeite ich jedoch nur jeden zweiten Tag, auch am Wochenende. Natürlich kommt es dabei auch öfters vor, dass es Zeiten gibt, wo wir keine Einsätze haben und nur herumsitzen. Durch die gute Stimmung vergeht die Arbeitszeit jedoch meist trotzdem wie im Flug.

Die Art der Einsätze ist äußerst vielfältig: Schwangerentransporte, Schlägereien, Autounfälle, chronische Erkrankungen, Schwächeanfälle, Stürze… Meine Aufgabe ist es bisher vor allem, die Vitalwerte der Patienten zu überprüfen, Wunden zu säubern und beim Transport zu helfen. Einmal war ich bisher bei einem größeren Einsatz bei einer Schießerei im Drogenmilieu dabei. Es war eine surreale Erfahrung und ich fühlte mich in eine Szene aus einem Krimi versetzt. Überall standen Polizisten mit Maschinengewehren herum, am Tatort wurden die Verhafteten mit Handschellen gegen die Wand oder auf den Boden gedrückt in Schach gehalten. Obwohl ich keine nennenswerte Erfahrung in der Erstversorgung habe, durfte ich bereits tatkräftig mithelfen, den ernsthaft durch mehrere Einschüsse verletzten Patienten mit Verbänden, Infusionen und Sauerstoff zu versorgen.

In solchen Notfällen werden allerdings auch die Mängel des mexikanischen Gesundheitssystems deutlich: Satt den Patienten sofort ins nächstgelegene Krankenhaus zu bringen, muss zunächst entsprechend seines Versicherungsstatus überprüft werden, welches Krankenhaus ihn überhaupt aufnehmen würde, was mitunter ein langwieriger Prozess ist. Weniger schwer verletzte Patienten ohne oder mit unzureichender Versicherung und den finanziellen Möglichkeiten können wir derweil gar nicht mitnehmen. Und dass, obwohl das mexikanische Gesundheitssystem für lateinamerikanische Standards ausgesprochen fortschrittlich ist, denn jedem Bürger steht theoretisch eine kostenlose Krankenversicherung zu. Dass viele diese jedoch nicht wahrnehmen sowie die Tatsache, dass eine große Zahl der Schwangeren minderjährig ist, deutet auf die mangelnde Aufklärung im Gesundheitsbereich hin. Dinge, die ich bisher in Deutschland als selbstverständlich angesehen habe, gewinnen hier so an ganz neuem Wert für mich.

Insgesamt bestätigt mich die Arbeit beim Cruz Roja sehr in meinem Wunsch, Medizin zu studieren und so bin ich sehr froh über jede Erfahrung, die ich in diesem Projekt sammeln darf. Es sind nicht immer einfache Erfahrungen, mit denen ich konfrontiert werde, etwa wenn ein Reanimationsversuch trotz aller Anstrengung scheitert. Und doch gibt es für mich persönlich keine bessere Möglichkeit, die Arbeit im Gesundheitswesen hautnah kennenzulernen.

Die ersten drei Monate hier in Mexiko sind wie im Flug vergangen. Und dennoch habe ich in dieser kurzen Zeit so viele Dinge erlebt, dass es sich viel länger als drei Monate anfühlt, eben wie ein ganzes neues Leben. Mittlerweile habe ich mich schon so sehr an mein Leben hier in Mexiko gewöhnt, dass ich mir im Moment gar nicht vorstellen kann und möchte, nach Deutschland zurückzukehren.

Ob ich vor wenigen Monaten damit gerechnet hätte, mich so sehr in dieses Land zu verlieben, von dem man in Deutschland doch fast nur Negatives hört? Auf keinen Fall! Aber das ist wohl auch die wichtigste Lektion, die ich hier in Mexiko gelernt habe: das Leben lässt sich nicht immer planen und grade die unerwarteten, überraschenden Ereignisse und Wendungen machen das Leben interessant und lebenswert.

Lena Lazinka studiert BWL auf Bali

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Selamat siang aus Indonesien,

Gruppenbild von unserer Welcome Ceremony in der Unigenauer gesagt aus Bali, denn diese Insel darf ich momentan mein Zuhause nennen. Mein Name ist Lena Lazinka (im Bild 3. v. r.) und im Zuge meines BWL-Studiums verbringe ich ein Semester an der Universitas Udayana auf Bali. Meine Midterms sind vorüber, das heißt Halbzeit und ein guter Anlass von meinen bisherigen Erlebnissen zu berichten.

Mein Abenteuer begann am 25. August 2017. In meinem Flieger saßen größtenteils Pauschaltouristen, doch für mich sollte es kein Urlaub werden, sondern mein neues Zuhause für die nächsten vier Monate. Der Start war dann allerdings doch etwas anders als erwartet. Das Haus, das ich mir mit fünf weiteren Mitbewohnerinnen teile, habe ich auf Balis ruhiger südlichen Halbinsel fernab von touristischen Pfaden gewählt.

Und so führte das eine zum anderen und wir konnten am ersten Abend das Haus nicht mehr verlassen, da wir keinen Roller hatten und uns die Dunkelheit und die bellenden Straßenhunde zu sehr einschüchterten. Doch mittlerweile wissen wir mit den Hunden umzugehen und haben auch unsere Tricks, die Kuhherde, die unsere Einfahrt regelmäßig blockiert, zu vertreiben. Für mich ist es die beste Entscheidung gewesen, unter Einheimischen zu wohnen und nicht nur das „Paradies Bali“ kennenzulernen. Denn einerseits habe ich ein Zimmer mit Meerblick und andererseits sehe ich dunkle Rauchschwaden von verbrennendem Müll.

 

Ausblick beim Aufstieg des Vulkans Mount Batur zum Sonnenaufgang

 

Bali – Island of gods

Diesen Namen hat sich Bali redlich verdient, denn ca. 85% der Balinesen sind Hindus und dies ist überall zu spüren. Ich kann keine 10 Meter laufen ohne eine Opfergabe umgehen zu müssen und überall gibt es Tempel – ganz kleine Haustempel oder große Tempelanlagen – in den schönsten Locations wie beispielsweise dem Uluwatu Tempel, der an einer Steilklippe gelegen ist. Der Alltag auf Bali ist geprägt von Ritualen und es duftet überall nach Räucherstäbchen. Zudem gibt es viele Feiertage, an denen große Familienfeiern und Zeremonien stattfinden. Ganz Bali ist zu diesen Festen mit selbstgemachten Girlanden und Opferschälchen aus Bananenblättern geschmückt. Der ausgeprägte Glaube aller Generationen auf Bali ist für mich einer der größten Unterschiede zu unserer deutschen Kultur – hier wird der Glaube nicht hinterfragt, sondern das balinesische Leben wird dahingehend ausgerichtet, die Götter zufrieden zu stellen.

Ein weiterer Unterschied ist das Zeitempfinden der Balinesen. Ganz nach dem Motto „Komme ich heute nicht, komme ich morgen“ werden Termine nur selten eingehalten. Diese Erfahrung durfte ich schon an einem meiner ersten Tage machen, an dem ich wie verabredet um 11 Uhr am Tor stand, um meinen Roller in Empfang zu nehmen. Im Endeffekt hat mein Rollervermieter Made diesen aber erst um 19 Uhr geliefert. Seine Herzlichkeit und die Entschuldigung „The traffic, you know?“, über die ich nur lachen konnte, haben aber alles wieder gut gemacht. Made ist übrigens ein Name, den man auf Bali ständig hört. Denn auf Bali erfolgt die Namensgebung nach der Reihenfolge der Geburt. Es sind Namen für vier Kinder vorgesehen, falls mehr Kinder geboren werden, geht es wieder von vorne los (bei Made handelt es sich um den zweitgeborenen). Bei Männern wird ein I vor den Namen gesetzt, bei den Frauen ist es ein Ni.

Meine dänische Mitbewohnerin und ich im Cultural Park

Eine andere Sache, an die ich mich gewöhnen musste, war der Verkehr. Unsere ersten Versuche auch mal etwas zu Fuß zu erledigen sind direkt gescheitert und ich bin seitdem eigentlich nur auf meinem Roller unterwegs. Roller sind hier das Verkehrsmittel Nummer eins, denn wenn die Straßen mal wieder verstopft sind, kann man mit dem Roller einfach den Fußweg benutzen (dieser gilt inoffiziell als Rollerstraße, denn Fußgänger sind rar) oder sich durch den Verkehr schlängeln. Die Einheimischen nutzen den Roller als Familienwagen (5 Personen auf einem Scooter sind keine Seltenheit), als Transportmittel für alles Erdenkliche, als fahrbares Restaurant oder als Verkaufsstand. Obwohl ich mich sehr schnell ans Fahren im geordneten Chaos gewöhnt habe, halte ich mich immer daran einen Helm und feste Schuhe zu tragen, denn das kann bei einem Unfall das Schlimmste verhindern.

 

Studieren, wo andere Urlaub machen

Ich studiere hier am internationalen Campus der Universitas Udayana in Jimbaran. Neben den einheimischen Studenten sind hier einige Austauschorganisationen untergebracht. Das Studium auf Bali unterscheidet sich sehr zu dem in Deutschland. Normalerweise arbeitet man in Deutschland immer nur auf die finale Klausur hin und bekommt während des Semesters keine anderen Noten. Hier ist es allerdings so, dass sich die Note aus vielen Teilnoten zusammensetzt. In meinen meisten Fächern muss ich zu jeder Woche Assignments anfertigen oder Case Studies bearbeiten. Außerdem haben wir bereits Midterms geschrieben und müssen Präsentationen halten. Der Arbeitsaufwand ist im Gegensatz zu Deutschland also relativ hoch, dafür sind die Vorlesungen recht locker gestaltet und bestehen oftmals aus offenen Dialogen.

Surfstunde mit meinem Austauschprogramm

Auf dem Campus haben wir eine Activitymanagerin, die Ausflüge und Workshops organisiert, damit wir Land und Leute besser kennenlernen und auch als Studenten in Kontakt kommen. So waren wir beispielsweise auf Nusa Lembongan zum Schnorcheln, auf einem Tagesausflug in ein balinesisches Dorf und zu Reisterrassen, bei einem Kochkurs, beim Surfen, Raften und beim internationalen Food Festival der Uni, wo jedes Land seine eigenen Spezialitäten verkauft hat.

Meine Vorlesungen sind nur auf drei Tage verteilt, das heißt ich kann die Wochenenden nutzen, um einige der über 17.000 Inseln Indonesiens zu erkunden. Da die Inlandsflüge relativ preiswert sind und man problemlos ohne Reisepass und mit Flüssigkeiten fliegen kann (in Deutschland wäre das nie vorstellbar), kommt man ziemlich gut auf benachbarte Inseln um Land und Leute besser kennen zu lernen, denn jede Insel hat ihre Eigenheiten. So war ich bereits auf Flores, um von dort aus einen mehrtätigen Segeltrip in Richtung Lombok zu machen.

Gestoppt haben wir unter anderem auf der Komodo Island, um die berühmten Komodowarane in freier Wildbahn zu sehen. Zu den anderen Stopps gehörten Wasserfälle, Schnorchelspots, Berge und einsame Inseln, die nur aus Sand und Palmen bestanden haben und in einem kurzen Spaziergang zu umrunden waren. Auf Lombok habe ich verschiedene Orte und Inseln besucht, wobei es erschreckend war zu sehen, wie sich die Insel langsam für den Tourismus bereit macht. Überall wurden Strandpromenaden gebaut, die überhaupt nicht in das ruhige Bild der Insel passen und viel Natur wurde zerstört, um Hotels zu bauen.

Ein weiterer Trip hat mich nach Java geführt, wo ich in der Nähe von Yogyakarta die beeindruckenden Tempel Borobodur und Prambanan angeschaut habe. Dort habe ich gemerkt, wie unnormal es für die Einheimischen ist, Touristen zu sehen. Denn sofort waren wir umzingelt von ganzen Schulklassen, die Fotos mit uns machen wollten. Außerdem war deutlich zu spüren, dass der Islam hier die vorherrschende Kultur ist. Vor allem da wir zwei alleinreisende weiße Frauen waren.

Ich bin schon gespannt, was mich alles noch erwarten wird!

Bis dahin viele sonnige Grüße,

Lena