- Staatsvertrag ja – aber anders!

Herr Kelloglu_1Dündar Kelloglu, Rechtsanwalt mit türkischen Wurzeln, gab seine Einschätzung zum aktuellen Entwurf des Staatsvertrages zwischen dem Land Niedersachsen und den muslimischen Verbänden. Der IFK lud in Kooperation mit dem Deutsch-Arabischen Freundschaftskreis und der VHS zum Vortrag ein.

Seine Verspätung sei der Deutschen Bahn und nicht etwa seiner südlichen Mentalität geschuldet, erklärte Dündar Kelloglu den verzögerten Beginn seines Vortrages. Im Laufe seiner Darstellungen brach er noch mit weiteren Klischees, argumentierte kritisch, differenziert, und fand klare Worte zum Thema des Abends.

Der Jurist wurde im Jahre 1968 in Kars, der östlichsten Provinz Anatoliens geboren und lebt seit 1978 in Deutschland. Er berichtet zu Beginn von den 1960er Jahren, in denen mit den Gastarbeitern aus der Türkei, Marokko und Tunesien auch der islamische Glaube nach Deutschland kam. Für viele Arbeiter wurde aus dem vorübergehenden ein dauerhafter Aufenthalt, ihre Familien kamen nach und blieben – ebenso der Islam.

Mit Gründungen islamischer Vereine, wie der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V. (DİTİB) im Jahr 1984 oder der Schura Niedersachsen (Beiname des „Landesverbands der Muslime in Niedersachsen e.V.“) im Jahr 2002, wurde die Glaubensausübung auch fern der Heimat strukturiert und institutionalisiert. Beide Verbände sind als Parteien im aktuellen Entwurf des Staatsvertrages mit dem Land Niedersachsen genannt.

Den Schwerpunkt seiner Darstellungen legte Dündar Kelloglu auf die türkisch-islamische Organisation und setzte hier seinen ersten Kritikpunkt: Die DİTİB unterstehe der Aufsicht des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten der Türkei, welches wiederum dem türkischen Ministerpräsidentenamt angegliedert sei. „Die türkische Regierung hat somit einen direkten und massiven Einfluss auf die über 900 DİTİB-Gemeinden in Deutschland, die Zentrale in Köln besitzt sogar das Hausrecht auf jede Einzelne. Wir überlassen einen Großteil des gesellschaftlichen Lebens der hier lebenden Muslime quasi einer fremden Staatsmacht“, stellte der Jurist heraus. Lösungsmöglichkeiten sehe er in alternativen Finanzierungsmöglichkeiten der Moscheen, ähnlich der kirchlichen Strukturen.

Zudem würden die an staatlichen, theologischen Hochschulen in der Türkei ausgebildeten Imame der DİTİB für fünf Jahre nach Deutschland geschickt. Sie besäßen einen Diplomatenpass und seien de facto Beamte des türkischen Staates, von dem sie auch bezahlt würden. Dieses Rotationsprinzip gälte es ebenso kritisch zu hinterfragen: Viele Imame seien mit der westlichen Kultur und Gesellschaft nicht vertraut, hätten keinen Bezug zu den Bedürfnissen der hier lebenden Muslime, sie sprechen nicht die deutsche Sprache. Für Kelloglu eine der wichtigsten Voraussetzungen, um auch Muslime und Musliminnen der 2. und 3. Generation in Deutschland zu erreichen, die ihre Muttersprache nicht gut sprechen oder nie gelernt haben. Der Referent fragt sich, weshalb die Imame einen Diplomatenpass besäßen und weshalb die Vorbeter aus dem Ausland entsandt würden. Zum Beispiel bilde die Technische Universität Osnabrück Imame aus, wieso könnten nicht diese Absolventen in den Dienst der Moscheen treten?

Herr Kelloglu_2„Ich kritisiere nicht den Islam, sondern die Strukturen seiner hier ansässigen Institutionen.“ – Dündar Kelloglu

 

Dündar Kelloglu ist Vorstandsmitglied des Flüchtlingsrates Niedersachsen und vertritt seit 2000 den Flüchtlingsrat in der Kommission für Fragen der Migration und Teilhabe des Niedersächsischen Landtages. Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, stelle sich ihm natürlich nicht. Als Befürworter des Euro-Islams frage er sich vielmehr: „Welcher Islam gehört zu Deutschland?“ Er wünsche sich eine Diskussion hier vor Ort mit Gemeindemitgliedern, hiesigen Imamen und Theologen. Für ihn sei das Scheitern des aktuellen Entwurfes des Staatsvertrages kein Verlust. „Wir haben nun die Möglichkeit, diesen gemeinsam zu gestalten und zu verbessern“, sieht Kelloglu die positive Seite der Debatte.

In diese stiegen die rund 30 Gäste in der Rotunde der Volkshochschule interessiert ein: Für den einen Zuhörer gehörten die Menschen, die Muslime, zu Deutschland und nicht der Islam als Religion. Für den Anderen habe sich der Islam, ähnlich der Entwicklung des Christentums, einer Aufklärung zu unterziehen. Eine Zuhörerin sieht die muslimischen Gemeindemitglieder in Zugzwang, eine Andere betrachtet Religion wiederum als Privatsache. Nach der Devise „Einheit in Vielfalt“ unterstrichen alle Anwesenden die Notwendigkeit einer öffentlichen Diskussion.

Gruppenfoto_2Über die große Resonanz zeigten sich die drei Veranstalter zufrieden: Dr. Mouhammad Husseini, Vorsitzender des Deutsch-Arabischen Freundschaftskreises, moderierte die anschließende Fragerunde: „Ich freue mich über die vielen Beiträge aus dem Publikum. Sie zeugen von einem großen Interesse an dem Thema“.

Annika Naber, Programmbereichsleitung für den Bereich Mensch und Gesellschaft der Volkshochschule, gab bereits einen Ausblick auf die nächste, thematisch verwandte Veranstaltung im Herbst: „Am 14. November werden wir unsere Veranstaltungsreihe ‚Wolfsburger Stadtgespräche‘ dem Problem des Salafismus unter jungen Menschen widmen.“ Der Internationale Freundeskreis ist dann ebenfalls wieder Kooperationspartner. „Uns ist die Förderung von Verständnis und Toleranz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen ein besonderes Anliegen“, erklärte IFK-Präsidentin Elisabeth Pötsch die erneute Mitwirkung des Vereins.