- Amelie Körtje arbeitet beim Roten Kreuz in Puebla, Mexiko

Meine ersten drei Monate in Mexiko – Ein Bericht von Amelie Körtje

Tacos, Sombreros, Mariachis, Korruption und natürlich – Drogenhandel – na, in welchem Land befinde ich mich wohl? Wie kaum ein anderes Land weckt Mexiko bei vielen ganz bestimmte, immergleiche Assoziationen. Auch ich konnte mir lange nicht viel mehr unter dem nordamerikanischen Land vorstellen, als die geläufigen Stereotypen. Da ich nach dem Abitur im Sommer 2017 jedoch mal etwas ganz anderes kennenlernen, etwas Neues wagen wollte, entschied ich mich dazu, mit dem Badischen Roten Kreuz einen weltwärts-Freiwilligendienst im mexikanischen Puebla zu machen. Seit gut drei Monaten arbeite ich nun also beim Cruz Roja Mexicana in Wolfsburgs mexikanischer Partnerstadt.

Der Abschied von meinen Freunden und Familie in Deutschland fiel mir (im Bild zweite von links) schwerer als gedacht.  Bei der Bewältigung des Abschiedsschmerzes half mir vor allem das Gedicht „Stufen“ von Herman Hesse, wo es heißt:

„Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Diese Zeilen machten mir erneut bewusst, warum ich mich dazu entschieden hatte, ein Jahr in Mexiko zu verbringen, ein ganz neues Leben in einem noch unbekannten Land, über das ich doch so wenig wusste, aufbauen zu wollen.

Und so dominierte bei meiner Ankunft in Mexiko trotz der Erschöpfung nach der langen Reise die Vorfreude und Neugierde, besonders auf das erste Treffen mit meiner Gastfamilie in Puebla. Wir hatten schon im Voraus regen Kontakt gehabt und so verstanden wir uns auf Anhieb gut, auch wenn mein Spanisch, welches ich mir mehr oder weniger selber beigebracht hatte, noch relativ holperig war.

Insgesamt und für mich überraschenderweise gab es jedoch keine größeren Kommunikationsprobleme und so fühlte ich mich vom ersten Moment an zu Hause und angekommen in meiner neuen mexikanischen Familie. Ich lebe bei einem jüngeren Paar, Paula und Alejandro, und ihren zwei Hunden. Meine Gasteltern sind sehr entspannt was das gemeinsame Zusammenleben betrifft. Ich habe alle Freiheiten was meine Freizeitgestaltung betrifft, die ich auch aus Deutschland von meinen Eltern kenne. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn in Mexiko und besonders im konservativen Puebla sind viele Eltern sehr protektiv, vor allem was die Töchter der Familie betrifft.

Ich habe meinen Gasteltern viel zu verdanken und ich bin unglaublich froh, diese Austauscherfahrung mit ihnen teilen zu dürfen. Durch die unzähligen Gespräche am Essenstisch habe ich bereits viel über die Geschichte, die Politik und die gesellschaftliche Situation insgesamt in Mexiko gelernt, besonders über die Probleme, mit denen dieses wunderbare Land zu kämpfen hat. Darüber hinaus haben die beiden mir kritische Sichtweisen auf mein eigenes westliches Leben in Deutschland ermöglicht.

Meiner Meinung nach ist die Gastfamilie einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg des kulturellen Austausches. Ich glaube, mit meiner Familie hätte ich es wahrlich nicht besser treffen können. Besonders zusammengeschweißt hat uns die Erfahrung des Erdbebens vom 19.September, welches auch die Stadt Puebla erschütterte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Während ich von dem ersten Erdbeben in Oaxaca und Chiapas kaum etwas mitbekam, traf uns das Erdbeben vom 19. September mit besonderer Härte. Ich war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, wo wir noch auf Grund des Jahrestages des Erdbebens von 1985 eine Erdbebenübung durchgeführt hatten. Nach dem ersten Schock stellte sich heraus, dass auch das Haus meiner Gastfamilie Schaden genommen hatte. Noch in derselben Nacht zogen wir zu Verwandten und zogen später ganz um in ein neues Haus.

In den Tagen nach dem Erdbeben stand das Leben in Puebla Kopf. Schüler und Studenten waren vom Unterricht befreit, der Großteil des schönen historischen Zentrums Pueblas war aus Sicherheitsgründen gesperrt und die Medien berichteten rund um die Uhr. Überhaupt gab es kein anderes Gesprächsthema mehr. Statt jedoch in Schockstarre zu verharren, formierte sich sofort eine Bewegung der Solidarität in den betroffenen Regionen und im ganzen Land.

So half ich etwa am Tag nach dem Erdbeben in einer der unzähligen eingerichteten Notunterkünfte beim Sortieren der Sachspenden. Es wurden riesige Berge von Lebensmitteln, Medikamenten, Wasser, Kleidung, Decken usw. angehäuft, bis zu dem Punkt, dass ich mich fragte, ob diese Mengen überhaupt nötig seien, denn es versammelten sich zwar tausende Freiwillige in der Unterkunft, kaum jedoch Hilfsbedürftige. Zumindest in der Stadt Puebla war die Situation, mit einigen Ausnahmen, schließlich vergleichsweise glimpflich ausgegangen. Anders sah es zum Beispiel in Mexiko Stadt und anderen Regionen aus, besonders Oaxaca und Chiapas litten unter den Folgen des ersten Erdbebens.

An den folgenden Tagen half ich in Dörfern einige Stunden außerhalb Pueblas bei der Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung und der medizinischen Versorgung. Dort erschien mir die Lage deutlich prekärer als in der Stadt Puebla, teilweise waren ganze Hütten eingestürzt. Doch auch in den kleinen Dörfern waren sofort Scharen von freiwilligen Helfern angerückt. Unabhängig vom Erdbeben erschienen mir jedoch aufgrund der teils erschreckenden Lebensbedingungen, staatliche Hilfsprogramme von Nöten.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Mexikaner nach dem Erdbeben eine bewundernswerte Solidarität und Hilfsbereitschaft zeigten, diese jedoch vor allem von der Bevölkerung und Hilfsorganisationen wie z.B. dem Roten Kreuz ausging, weniger von Seiten der Regierung. Auch wurde mir erklärt, dass viele Politiker das Erdbeben als politisches Mittel, auch in Bezug auf die Wahl im nächsten Jahr, instrumentalisierten. In Anbetracht der tatsächlich sehr verbreiteten Korruption wird von meinen mexikanischen Bekannten der Umgang mit den Spenden insgesamt kritisch gesehen.

Jetzt, einige Woche nach dem Erdbeben, hat sich das Leben zumindest in Puebla weittestgehend normalisiert, nur einige Straßen im Zentrum bleiben weiterhin für die Durchfahrt gesperrt. Diese Sicherheitsmaßnahme ist sicherlich sinnvoll, denn bei der atemberaubenden Geschwindigkeit, mit der die Busse, die berüchtigten „Camiones“ durch Pueblas Straßen poltern, wackeln die Häuser auch ohne Erdbeben.

Die „Camiones“ sind für mich ein Stück weit Sinnbild für das Leben in Mexiko. Sie folgen nicht wie in Deutschland festen Regeln oder Fahrplänen, hin und wieder wechseln sie auch unangekündigt die Route. Es gibt kaum feste Haltestellen, wenn man einsteigen will, hebt man an der Straßenecke die Hand und zum Aussteigen ruft man dem Fahrer zu. Es ist diese Entspanntheit, diese Flexibilität und Unplanbarkeit die für mich mein mexikanisches Leben ausmachen, ja auszeichnen. Ich genieße es, nicht zu wissen, was in der nächsten Woche auf mich zukommt, welche neuen Personen und Orte ich kennenlernen werde. Ich führe hier ein Leben, das komplett im Moment, im Heute stattfindet, ohne sich große Sorgen über das Morgen machen zu müssen. Dass ich in diesem Lebensstil äußerst privilegiert bin und dem Großteil der Mexikaner diese Unbekümmertheit nicht vergönnt ist, ist mir natürlich bewusst.

Für mein Jahr in Mexiko habe ich mir vorgenommen, alle Möglichkeiten und Erfahrungen mitzunehmen. Ich habe bereits verschiedene Reisen in diesem für mich doch überraschend vielfältigen Land gemacht, in die internationale Megametropole Mexiko Stadt ebenso wie in kleine ursprüngliche Dörfchen. Auf diese Weise ist mir hautnah vor Augen geführt worden, wie vielschichtig die mexikanische Gesellschaft ist, denn ich habe Menschen in Lebensumständen kennengelernt, wie ich sie als Deutsche noch nie gesehen habe, auf beiden Seiten der Wohlstandsskala.

Ich habe die atemberaubende Natur der wasserfallreichen Huasteca Potosina mit anderen Freiwilligen bestaunt und mit einem mexikanischen Freund die paradiesischen Strände und historischen Mayapyramiden in den Bundesstaaten Yucatan und Quintana Roo besucht. Beim Besteigen des Vulcans Malinche auf 4200 Meter bin ich an meine physischen sowie mentalen Grenzen gekommen.

Diese Vielfalt, nicht nur der Natur Mexikos, sondern auch der Lebensstile seiner Menschen, wird in den internationalen Medien mit keinem Wort erwähnt. Das Land wird von vielen automatisch auf Drogenkrieg und Korruption reduziert, der stereotype Mexikaner isst eben doch Tacos, trinkt Tequila und trägt Sombrero. All diese Aspekte entsprechen sicher zu mehr oder weniger großen Teilen der Wahrheit, doch das Mexiko, was ich in diesem Jahr kennen lernen darf, ist so viel mehr als das! Es ist so viel mehr als das, was ich erwartet habe und es erstaunt mich jeden Tag aufs Neue, wie man sich nach drei Monaten schon so sehr in ein Land, in ein neues Leben verliebt haben kann.

Ich habe selten so herzliche, interessierte und interessante Menschen wie hier in Mexiko getroffen. Und so fällt es mir auch nicht schwer, Anschluss zu Mexikanern zu finden. Nach drei Monaten kann ich zufrieden sagen, bereits einige wirklich gute Freunde gefunden zu haben, mit denen ich viel in meiner Freizeit unternehme. Einen davon lernte ich sogar bereits in Wolfsburg, auf dem mexikanischen Sommerfest des IFK kennen.

Einen großen Teil meiner Zeit hier in Mexiko verbringe ich natürlich in meiner Einsatzstelle, dem mexikanischen Roten Kreuz, dem Cruz Roja Mexicana. Das Cruz Roja ist eine Einrichtung, die sich vor allem an die sozial benachteiligte Bevölkerung Pueblas richtet, denn der Service ist besonders im Vergleich zu den unzähligen privaten Krankenhäusern relativ günstig bzw. gratis. Sie verfügt über ein Krankenhaus mit verschiedenen Spezialisierungen wie etwa Gynäkologie, Pädiatrie, Chirurgie u.a. sowie Notaufnahme, Labor, Apotheke und Rettungsdienst.

Im Laufe des Jahres werde ich durch die verschiedenen Bereiche der Institution rotieren, angefangen im Labor und Rettungsdienst, gefolgt von der Notaufnahme und der Chirurgie. Die ersten zwei Monate arbeitete ich also im Labor des Krankenhauses, montags bis freitags von 7 bis 13 Uhr, wobei die Arbeitszeiten entsprechend der mexikanischen Mentalität teils stark variierten. Ich durfte verschiedene kleinere Analysen mit den Blut- und Urinproben der Patienten durchführen, Botendienste mit Resultaten oder Blutproben leisten und selten auch selber Blut abnehmen. Insgesamt gab es jedoch relativ wenig Arbeit, sodass auch die mexikanischen Mitarbeiter oft tatenlos rumsaßen und sich unterhielten.

Besonders vor dem Hintergrund, dass ich nach dem Freiwilligendienst gerne Medizin studieren möchte, hätte ich mir gewünscht, mehr in die Arbeit im Labor eingebunden zu werden. Auch wenn das ruhige Ambiente besonders in der anfänglichen Eingewöhnungsphase, als meine Spanischkenntnisse noch relativ beschaulich waren, durchaus angenehm war, stellte sich durch das Nichtstun hin und wieder ein unbefriedigendes Gefühl der Frustration ein.

Dies änderte sich mit dem Wechsel in den Rettungsdienst Mitte November schlagartig. Vom ersten Tag an wurde ich im Krankenwagen eingesetzt. Die Stimmung im Team ist ausgesprochen freundschaftlich und fast alle haben immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. Die Schichten im Rettungsdienst dauern zwölf Stunden von 7 bis 19 Uhr, als deutsche Freiwillige arbeite ich jedoch nur jeden zweiten Tag, auch am Wochenende. Natürlich kommt es dabei auch öfters vor, dass es Zeiten gibt, wo wir keine Einsätze haben und nur herumsitzen. Durch die gute Stimmung vergeht die Arbeitszeit jedoch meist trotzdem wie im Flug.

Die Art der Einsätze ist äußerst vielfältig: Schwangerentransporte, Schlägereien, Autounfälle, chronische Erkrankungen, Schwächeanfälle, Stürze… Meine Aufgabe ist es bisher vor allem, die Vitalwerte der Patienten zu überprüfen, Wunden zu säubern und beim Transport zu helfen. Einmal war ich bisher bei einem größeren Einsatz bei einer Schießerei im Drogenmilieu dabei. Es war eine surreale Erfahrung und ich fühlte mich in eine Szene aus einem Krimi versetzt. Überall standen Polizisten mit Maschinengewehren herum, am Tatort wurden die Verhafteten mit Handschellen gegen die Wand oder auf den Boden gedrückt in Schach gehalten. Obwohl ich keine nennenswerte Erfahrung in der Erstversorgung habe, durfte ich bereits tatkräftig mithelfen, den ernsthaft durch mehrere Einschüsse verletzten Patienten mit Verbänden, Infusionen und Sauerstoff zu versorgen.

In solchen Notfällen werden allerdings auch die Mängel des mexikanischen Gesundheitssystems deutlich: Satt den Patienten sofort ins nächstgelegene Krankenhaus zu bringen, muss zunächst entsprechend seines Versicherungsstatus überprüft werden, welches Krankenhaus ihn überhaupt aufnehmen würde, was mitunter ein langwieriger Prozess ist. Weniger schwer verletzte Patienten ohne oder mit unzureichender Versicherung und den finanziellen Möglichkeiten können wir derweil gar nicht mitnehmen. Und dass, obwohl das mexikanische Gesundheitssystem für lateinamerikanische Standards ausgesprochen fortschrittlich ist, denn jedem Bürger steht theoretisch eine kostenlose Krankenversicherung zu. Dass viele diese jedoch nicht wahrnehmen sowie die Tatsache, dass eine große Zahl der Schwangeren minderjährig ist, deutet auf die mangelnde Aufklärung im Gesundheitsbereich hin. Dinge, die ich bisher in Deutschland als selbstverständlich angesehen habe, gewinnen hier so an ganz neuem Wert für mich.

Insgesamt bestätigt mich die Arbeit beim Cruz Roja sehr in meinem Wunsch, Medizin zu studieren und so bin ich sehr froh über jede Erfahrung, die ich in diesem Projekt sammeln darf. Es sind nicht immer einfache Erfahrungen, mit denen ich konfrontiert werde, etwa wenn ein Reanimationsversuch trotz aller Anstrengung scheitert. Und doch gibt es für mich persönlich keine bessere Möglichkeit, die Arbeit im Gesundheitswesen hautnah kennenzulernen.

Die ersten drei Monate hier in Mexiko sind wie im Flug vergangen. Und dennoch habe ich in dieser kurzen Zeit so viele Dinge erlebt, dass es sich viel länger als drei Monate anfühlt, eben wie ein ganzes neues Leben. Mittlerweile habe ich mich schon so sehr an mein Leben hier in Mexiko gewöhnt, dass ich mir im Moment gar nicht vorstellen kann und möchte, nach Deutschland zurückzukehren.

Ob ich vor wenigen Monaten damit gerechnet hätte, mich so sehr in dieses Land zu verlieben, von dem man in Deutschland doch fast nur Negatives hört? Auf keinen Fall! Aber das ist wohl auch die wichtigste Lektion, die ich hier in Mexiko gelernt habe: das Leben lässt sich nicht immer planen und grade die unerwarteten, überraschenden Ereignisse und Wendungen machen das Leben interessant und lebenswert.